GEW - Niedersachsen
Du bist hier:

Grundschule in Niedersachsen ist ein Desaster!, weil …

25.03.2019

  • Schule in der Zusammensetzung der Schülerschaft ist immer ein Abbild der Gesellschaft; und dieses hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten massiv verändert, aber Schule entwickelt sich nicht mit
  • Veränderungen sind: beide Eltern gehen arbeiten – Kinder werden krank in die Schule geschickt, am Nachmittag werden sie möglichst lange in der Schule „geparkt“, zu Hause werden sie vor einem digitalen Medium „geparkt“
  • Kinder und Eltern kommunizieren deutlich weniger miteinander. Die Folge davon sind sprachliche und emotionale Defizite.
  • Kinder haben viel zu früh und zu umfänglich Zugang zu digitalen Netzwerken, Eltern sind stark überfordert, ihren Kindern hier sinnvolle Grenzen zu setzen. Kinder sehen, hören und erleben dort Sachen, die sie psychisch sehr beeinflussen und denen sie nicht gewachsen sind, vor allen Dingen im Umgang mit Gewalt. In der Schule leben sie dann Gewaltphantasien aus.
  • Eltern nehmen ihre Verantwortung und Erziehungspflicht zum Teil nicht wahr. Sie möchten Freunde der Kinder sein und/oder klammern an ihrem Kind; Helikoptereltern. Dadurch können und dürfen Kinder sich nicht entwickeln und schon gar nicht eigenständig werden. Eigenständigkeit ist aber ein erklärtes Erziehungsziel in Schule. Die Ansprüche der Eltern an Schule steigen dadurch ins Unermessliche. Eltern erwarten eine individuelle Rundum Versorgung ihres Kindes, das auf die eigenen familiären Bedürfnisse exakt zugeschnitten ist. Für Schulleitung und Kollegen bedeutet das eine unglaublich hohe Anzahl sinnloser Gespräche.
  •  
  • Andere Eltern wiederum kümmern sich gar nicht um die Kinder, schicken sie unregelmäßig in die Schule, beschaffen nicht das notwendige Arbeitsmaterial, zahlen angekündigte und entstandene Kosten nicht, nehmen nicht an Elternabenden teil, erscheinen nicht zu vereinbarten Terminen, … Auch das kostet Schule unglaublich viel Zeit. Hinzu kommen dann Gespräche mit dem Jugendamt und anderen unterstützenden Institutionen.
  • Kinder mit besonderen Schwierigkeiten, die entweder einen diagnostizierten Förderbedarf haben (aber nicht nur das sind verhaltens“originelle“ Kinder) oder auch nicht, benötigen eigentlich auch ein besonderes Maß an Zuwendung. Und eigentlich wollen wir Pädagogen ihnen das auch gerne geben, haben aber keine Ressourcen dafür. Für die Kinder ohne Förderbedarf ist nicht einmal irgendeine Form der Unterstützung angedacht – es gibt nichts! Ergotherapeuten, Logopäden, Lerntherapeuten, Psychologen fehlen komplett, wären aber eine sehr hilfreiche Unterstützung. Und diese Unterstützung brauchen vor allen Dingen die Kinder und Eltern! Die, an dieser Stelle, in Schule auftretenden Probleme sind nicht in Schule gemacht, kommen hier aber massiv zum Tragen.
  • Für die Kinder mit diagnostiziertem Förderbedarf ist die Lage leider nur marginal anders- und in keinem Fall besser. Erst einmal ist der Weg zu einem Förderbedarf mit zahlreichen Gesprächen und Formularen gepflastert – er kostet viele Pädagogen richtig viel Zeit. Und danach gibt es leider keine Unterstützung in den Bereichen Sprache, Lernen, emotionale-soziale Entwicklung. In den weiterführenden Schulen gibt es dann Stunden (lächerlich wenige, aber immerhin). Sehr gerne möchte ich einmal einen vernünftigen! Und nachvollziehbaren! Grund dafür hören, warum es das in der Grundschule nicht gibt.
  • Die zwei Stunden Grundversorgung sind angesichts der geschilderten Lage nicht einmal mehr ein Witz. Es ist eine Katastrophe! Und zwar für die Kinder, für die Familien und für die Gesellschaft. Wir leisten uns an dieser Stelle einen hohen gesellschaftlichen Schaden, indem wir ganz früh viele Kinder bereits von einem positiven Bildungsgang abkoppeln. Das wird Deutschland in vielen Untersuchungen immer wieder bestätigt. Es wird aber wider besseres Wissen nicht gehandelt!
  • Die Grundschule ist die Schule, die eine wirkliche „Schule für alle“ ist. Ich habe oben aufgezeigt, wie breit gefächert unsere Schülerklientel aufgestellt ist. Hinzu kommen die sehr jungen Fünfjährigen, die wir jetzt ebenfalls beschulen. Und das alles soll in Klassen mit (höchstens) 26 Kindern geschehen. Das geht heute nicht mehr. Das halten die Kinder nicht mehr aus. Eine individualisierte Gesellschaft, wie wir sie inzwischen haben, kann nicht von Grundschülern erwarten, dass sie vier bis sechs Schulstunden diesem Sozialstress ausgesetzt sind. Vernünftiger, guter Unterricht ist so undenkbar. Hinzu kommt, dass viele Schulen 30 oder 40 Jahre alt oder noch älter sind. Die Räume sind oft viel zu klein für diese großen Klassen. Der Klassenteiler muss dringend auf höchstens 21 gesenkt werden!
  • Die Kinder in den Grundschulen haben viel zu wenig Zeit zum Lernen. Die Lehrpläne füllen sich mit vielen (eigentlich) außerschulischen Themen wie höfliches Benehmen, An- und Ausziehen – besonders Schnürsenkel binden- , Halten des Bestecks beim Essen, miteinander spielen, richtiges Verhalten auf der Toilette, … Diese Erziehungsarbeit wird in vielen Familien nicht mehr gemacht. Wir können diese Defizite in den Schulen aber nicht ignorieren, weil sie den schulischen Alltag entscheidend mitbestimmen. Hinzu kommen Inhalte des Lehrplans, die immer umfassender und wichtiger werden: gesunde Ernährung, umweltgerecht und nachhaltig leben, demokratische Verhaltensweisen, lesen und Schreiben lernen, Wortschatzarbeit, Kinderbücher lesen, … All diese Inhalte, und noch einige mehr, benötigen Zeit und Ruhe. Die haben wir nicht bei 20 bis 26 Wochenstunden in der Grundschule!
  • Damit komme ich zu dem katastrophalen Ganztag. Eine 75% Ausstattung ist eine bodenlose Frechheit und erfüllt den Tatbestand des Betrugs an Kindern, Eltern und pädagogischem Personal. Es werden völlig falsche Verhältnisse vorgetäuscht. Warum wurde 2016 nicht mit der Eröffnung der Möglichkeiten offen, teilgebunden oder gebunden zu sein, eine mutige Entscheidung für die gebundene Ganztagsschule im ganzen Land ab dem Jahr 200? getroffen? Das wäre ein klares, einheitliches Zeichen gewesen. Und es hätte jede einzelne Schule befreit von endlosen Diskussionen über die Ansprüche der Eltern. Außerdem wäre endlich mal etwas einheitlich an allen Schulen im Land und ein wenig Bildungsgerechtigkeit hätte Einzug halten können.
  • Mir ist selbstverständlich bewusst, dass die Ausstattung der Schulen Sache der Schulträger ist, dennoch kann ich auch diesen Punkt nicht unerwähnt lassen. Wir leben hier mit einer Ausstattung aus den 80er Jahren. Das ist für alle Beteiligten unerträglich. In finanziell gut aufgestellten Gemeinden oder Kreisen werden auch Schulen gut ausgestattet, die anderen können sehen, wie sie klar kommen. Und schon wieder schlägt die Bildungsungerechtigkeit zu!
  • Jetzt wende ich den Blick dem pädagogischen Personal zu. Jede Schule muss sich auf die Suche nach pädagogischen Mitarbeitern machen. Deren Qualifikation spielt dabei eine untergeordnete Rolle, denn wer will schon für diesen lächerlichen Lohn einige wenige Stunden am Tag arbeiten? Auch das halte ich für moralisch und ethisch hochgradig verwerflich und verweise auch auf die Diskussion über Altersarmut. Absolut das Gleiche gilt für die neuen Stellen der Sozialpädagogen. Und natürlich die Lehrer an den Grundschulen. Es ist überhaupt nicht länger hinnehmbar, dass Lehrer an unterschiedlichen Schulformen unterschiedlich bezahlt werden! Und auch noch andere Unterrichtsverpflichtungen haben.
  • Ich erwarte, dass sich das sofort ändert und alle Lehrer A13 erhalten. Außerdem erwarte ich, dass die Arbeitszeit der Grundschullehrer dem tatsächlichen Arbeitsaufkommen endlich angepasst wird. Die Unterrichtsverpflichtung darf höchstens 25 Stunden betragen. Zusätzlich sollte in der Arbeitszeit fest eine Fortbildungsstunde eingebunden werden; also eine Gesamtstundenverpflichtung von 26 Stunden.
  • Allerdings gibt es auch beim Fortbildungsangebot erheblichen Handlungsbedarf. Die vom Land angebotenen Fortbildungen sind oft grauenvoll und nicht hilfreich. Außerdem sind die Anreisewege oft viel zu weit. Das Kompetenzzentrum der Uni Lüneburg bildet hier eine erfreulich positive Ausnahme.

Mein Fazit dieser aufgezeigten Missstände lautet:

Dieses Land lässt Schule komplett im Regen stehen und nimmt sehenden Auges in Kauf, dass Bildungschancen sehr ungleich verteilt sind und der Gesellschaft ein riesengroßer (finanzieller, moralischer und struktureller) Schaden entsteht.

Wir brauchen an Schulen sofort:
- Mehr Zeit für Unterricht und Erziehung
- Mindestens 50% mehr Lehrer – Grundschul- und Förderschullehrer
- Qualifiziertes Personal anderer Professionen
- Einen gebundenen, voll ausgestatteten Ganztag
- Angemessene Bezahlung für alle in Schule tätigen Menschen
- Weniger Unterrichtsverpflichtung für Lehrer
- Senkung des Klassenteilers

Diese Liste ist nicht abschließend zu betrachten. Sie stellt eine Mindestanforderung dar, um wenigstens in Ansätzen gute Schule machen zu können.

Und dafür sind wir, die wir in Schule arbeiten, ursprünglich angetreten. Und das wollen wir heute auch noch, können aber nicht!

Die (in der GEW bekannte) Autorin möchte namentlich an dieser Stelle nicht genannt werden.

Zurück