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Neue Kerncurricula für Grundschulen

Gelungene Weiterentwicklung – zunehmende Anforderungen an die Lehrkräfte

27.11.2017

Mit Schuljahresbeginn sind die Neuauflagen der Kerncurricula für die Fächer Deutsch, Mathematik und Sachunterricht in Kraft getreten. Die Autor*innen aus Kultusministerium, Wissenschaft und Praxis Schule verfolgten dabei offensichtlich in der Weiterentwicklung mehrere wesentliche Leitlinien: Zum einen die Komplexität des Faches neu zu beleuchten, Unzulänglichkeiten der Vorgängerausgaben zu korrigieren, viel mehr Praxisnähe einzupflegen und der veränderten Schulwirklichkeit in der Grundschule mitsamt ihren Problemlagen Rechnung zu tragen. Das ist insgesamt ziemlich gut gelungen.

In den Einleitungen werden üblicherweise die Fächer und ihr enormer Stellenwert als Gesamtbildungsaufgabe und deren ständig zunehmende Komplexität betont. Nun aber mit besonderer Qualität: Im KC Deutsch durch Herausstellen des so fundamentalen Sprachbildungsaspekts und der Sprachbildung als Gesamtaufgabe jeden Unterrichts besonders vor dem Hintergrund einer sich verändernden Schülerschaft. In Mathematik wird der fachübergreifenden Bedeutung im Hinblick auf sich stetig weiter entwickelnde Technologien und gesellschaftliche Veränderungen Rechnung getragen. Im Sachunterricht sei nur das Stichwort Medien- und Informationsgesellschaft genannt.

Lernvoraussetzungen nicht voraus zu setzen
Dass über Lernvoraussetzungen nachgedacht werden muss, ist Teil jeder Unterrichtsplanung. Die Implementierung des gleichnamigen Kapitels in den KC ist ein Novum und sicher Resultat der enormen Gewichtung, die diese zunehmend beanspruchen. Es muss auf die viel größere Spreizung in fundamentalen Lernvoraussetzungen eingegangen werden. Basale Wahrnehmungsfähigkeiten und Spracherwerb, Grundbedingungen für erfolgreiches Lernen müssen vielfach noch angebahnt bzw. gefördert werden. Die Aufgaben des Anfangsunterrichts haben allein damit eine erhebliche Ausweitung erfahren.
Die Rechtschreibung und das Erlernen einer Schreibschrift bekommen wieder einen höheren Stellenwert. Das freut die Lehrkräfte an der Basis und ist sicher auch Konsequenz aus vielen Praxisrückmeldungen, genauso wie die Stärkung der Basiskompetenzen in den Grundrechenarten.
Da andererseits manche Kinder schon bei Schuleintritt besonders im kognitiven und sprachlichen Bereich die Lernziele der 2. Klasse erfüllen, widmen die neuen KC eigene Kapitel der Individualisierung und dem zieldifferenten Lernen, die Notwendigkeit eines individualisierenden und differenzierenden Unterrichts betonend neben kooperativen Lernformen und Plenumsphasen.
Der Leitlinie „Konkretisierung“ wird (teilweise zu) sehr gefolgt, z.B. im KC Sachunterricht durch Vorgabe vieler verbindlicher Themen bis hin zur vorgegebenen genauen Operation und Festlegung erwarteter Kompetenzen nach Klasse 2 und 4. Entscheidungsspielräume und Schwerpunktsetzungen sind eingeschränkt, das KC kann als quantitativ überfrachtet angesehen werden. Dennoch ist es sicher hilfreich für fachfremd Unterrichtende, fachlich ausgebildete Lehrkräfte werden es vielleicht eher als Einengung erleben.

Individualisierung versus Notenvergabe
In den Ausführungen zur Leistungsfeststellung wird in allen KC der von den Lehrkräften zu leistende Spagat deutlich, die Widersprüchlichkeit des zu leistenden Unterrichtshandelns der Individualisierung bei gleichzeitiger Anwendung einheitlicher Kriterien der Beurteilung und Notenvergabe. Im KC Deutsch werden dazu im Anhang Fördermöglichkeiten für phonologische Bewusstheit und verschiedene Wahrnehmungsbereiche aufgelistet, da zunehmend defizitäre Voraussetzungen impliziert werden bzw. ggf. auch fehlende fachliche Expertise der Unterrichtenden. Das KC Mathe, das zum Thema Leistungsfeststellung grundsätzlich klare, detaillierte Aussagen trifft, überlässt mit der vagen Formulierung „Gewährte Hilfen im Sinne eines Nachteilsausgleichs sind zu beachten“ spätestens bei der Notenbeurteilung den schwarzen Peter den Schulen mit dem Widerspruch zwischen Aufgaben und nicht kompatiblen Vorgaben.
Am Beispiel Sachunterricht lässt sich ein großer Widerspruch der Anforderungssituation verdeutlichen: Der hohe Anspruch der geforderten und zu beurteilenden Präsentation und Dokumentation schon in der 2. Klasse vor dem oben ausgewiesenen Hintergrund zunehmender Defizite in den Basalfähigkeiten und der Sprachentwicklung.

Fazit
Die GEW Fachgruppe Grundschulen hatte in der Anhörungsphase zu den KC auf einige Schwächen hingewiesen und Verbesserungsvorschläge unterbreitet, die erfreulicherweise umfänglich Berücksichtigung fanden.
Insgesamt anerkennt die Fachgruppe aber auch ausdrücklich – besonders im KC Deutsch – die Bemühungen der KC-Autor*innen, vor dem Hintergrund weiter zunehmender sprachlicher und kultureller Vielfalt sowie der inklusiven Beschulung aller Kinder im Grundschulbereich einen praxisbezogenen und sehr konkreten Rahmen zu stecken. Dabei sollte die Handhabung für fachfremd Unterrichtende auch sicher gestellt werden (siehe detaillierte Unterrichtshinweise, Beispiele für Lernkontrollen).

Die derzeitigen Probleme des Grundschulunterrichts allgemein sind damit natürlich in keinster Weise aufgefangen. Die KC sind einmal mehr ein Beleg der sich weiter zuspitzenden Anforderungssituation an die Grundschularbeit, diese in all ihren Erfordernissen zu den derzeitigen Rahmenbedingungen zu gestalten. Das geht nicht mit dauerhaft fachfremd unterrichtenden Kolleginnen und Kollegen und schon gar nicht mit Quereinsteiger*innen, sondern erfordert höchste Professionalität. Diese zu erbringen herrscht großer Konsens unter den Grundschullehrkräften. Sie sind dazu willens und theoretisch auch in der Lage, der irgendwann erreichte „Deckelungseffekt“ (besagt laut GEW-Arbeitszeitstudie, dass bei begrenzter Zeitressource und zu hoher Unterrichtsverpflichtung die Lehrkräfte nicht immer so arbeiten können, wie sie eigentlich wollen) aber ein Verhinderer und damit teilweise krank machender Faktor. Die Notwendigkeit der Herabsetzung der viel zu hohen Unterrichtsverpflichtung sowie der personellen Unterstützung werden wieder einmal deutlich. Nur damit kann der neuen Heterogenität mit entsprechender Professionalität begegnet werden. Die neuen Kerncurricula reagieren auf die veränderten Anforderungen - und wann reagiert endlich die Politik mit den zugehörigen Rahmenbedingungen?

Monika de Graaff
GA der Landesfachgruppe Grundschulen

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