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„Schulbuchcheck“: Bücher schon überprüft?

Bei einer Bestandsaufnahme eingeführter Schulbücher hat der AK Queer festgestellt, dass sich ungleichheitsfördernde und diskriminierende Darstellungen im Lehrmaterial für Schulen befinden - ohne dass das von den Autor*innen eines Verlags intendiert sein muss. Vielmehr bilden sie eine mangelnde Sensibilisierung für verschiedene Ungleichheitsdimensionen und Benachteiligungen ab.

07.02.2019 - Hannover

Die GEW fordert die Schulbuchverlage daher auf „Diversität, Gleichstellung und Antidiskriminierung als Qualitätskriterien für Schulbücher und Unterrichtsmaterialien zu etablieren und ihre Mitarbeiter*innen entsprechend fachlich zu qualifizieren“ (GEW-Beschluss 3.15). Ferner sollten Bücher und Materialien so gestaltet sein, dass sie Schüler*innen motivieren, sich selbstbewusst gegen Diskriminierung zu wehren und konkrete Handlungsansätze anbieten.

 Als aktive Gruppe im Bereich geschlechtlicher und sexueller Vielfalt möchte der AK den Lehrkräften und auch den Verlagen einige Qualitätskriterien an die Hand geben, eine Art Schulbuchcheck. Die aufgestellten Kriterien konzentrieren sich auf die Bereiche Sprache, Abbildungen, Kontextualisierung sowie Inhalte und sind wie folgt untergliedert:

Sprache

  • Verwendung geschlechtsneutraler Formulierungen oder Gender-gap _ bzw. Gender-star*
  • Vermeidung generalisierender Aussagen über Menschen, auch wenn sie zunächst vereinfachend erscheinen (z.B. Frauen/Männer sind…; stattdessen: Manche Frauen/Männer sind…)
  • Sensibler Umgang mit zuordnenden Begriffen (z.B. Homosexuelle lieben anders, das normale Familienmodell etc.)
  • Vermeidung diskriminierender und hierarchisch geprägter Begriffe
  • Inklusives Sprachniveau, das u.a. soziale, entwicklungsbedingte und sprachliche Diversität berücksichtigt

 

Abbildungen

  • Menschen mit verschiedenen körperlichen Merkmalen werden abgebildet (z.B. Alter, Hautfarbe, Kleidung, religiöse Merkmale etc., ohne zu typisieren)
  • Geschlechtliche Vielfalt wird durch eindeutig und nicht eindeutig weibliche oder männliche Figuren abgebildet
  • Die Figuren werden in vielfältigen Situationen gezeigt, jenseits von Rollenstereotypen (z.B. Männer* in handwerklichen und pädagogischen Berufen )
  • LSBTI*-Personen werden durch Selbstbezeichnungen oder Kontextualisierung sichtbar
  • Gleichgeschlechtliche Partnerschaft wird in derselben Alltäglichkeit gezeigt wie andere Formen des Miteinanders
  • Abgebildete Familien zeigen eine Vielfalt der Familienformen
  • Mitglieder einer Personengruppe werden nicht als homogen dargestellt (z.B. Homosexualität wird nicht mit ‚weiß‘, ‚männlich‘ und ‚säkular sein‘ gleichgesetzt)

 

Kontextualisierung

  • Beiläufige Thematisierung von geschlechtlicher und sexueller Vielfalt in verschiedenen Kontexten (z.B. kein biologisches „Sonderthema“)
  • Vermeidung einer kontextuellen Verbindung von nicht-heterosexueller Liebe und Geschlechtskrankheiten, Prostitution, Pädophilie etc.
  • Diskriminierte Gruppen sollen so dargestellt werden, dass positive Identitätsmöglichkeiten geschaffen werden
  • Diskriminierte Gruppen sollen nicht ausschließlich in der Opferrolle dargestellt werden (z.B. Vermeidung alleiniger Nennung jüdischer oder homosexueller Personen im Zusammenhang mit deren Verfolgung und Vernichtung während der NS-Zeit)

 

Inhalte

  • Gleichwerte Darstellung verschiedener Formen von Sexualität und Geschlecht
  • Wertschätzende Haltung gegenüber Vielfalt
  • Soziale Konstruiertheit von (binären) Differenzkategorien und deren kontextuelle Bedingtheit wird thematisiert (z.B. historische Entwicklung und Konstruktion von Geschlecht, Partnerschaft, Familie und Sexualität)
  • Mit binären Kategorien verbundene gesellschaftliche Macht- und Herrschaftsverhältnisse werden aufgedeckt und reflektiert (z.B. männlich – dominant vs. nicht-männlich - dominiert)
  • Befähigung zur Selbstwirksamkeit und Handlungsfähigkeit der Lernenden (z.B. durch Aufklärung über Menschenrechtsgruppen oder rechtliche Hintergründe)
  • Thematisierung emanzipatorischer Kämpfe um Gleichberechtigung der unterschiedlichen Frauen- und Homosexuellenbewegungen
  • Existierende Vielfalt der Funktionen sexueller Handlungen abbilden (u.a. persönliche Bindung, Bedürfnis begehrt zu werden aber auch soziale Machtverhältnisse und Gewaltanwendung etc. statt Sex ausschließlich als „natürlicher“ Akt und Wunsch zur Fortpflanzung)
  • Offene Aufgabenstellungen bieten -sofern thematisch möglich- Raum für individuelle Interpretationsräume jenseits bestehender Normen

 

Erarbeitet wurden diese Qualitätskriterien in Anlehnung an den aktuellen wissenschaftlichen Stand zur Schulbuchforschung und unter Mitwirkung verschiedener Fachkräfte des Braunschweiger Zentrums für Gender Studies, des Fachbereichs Soziologie (Schwerpunkt Migration und Kultur) der Goethe-Universität Frankfurt, des Graduiertenkollegs Gender und Bildung Hildesheim sowie der Mitglieder des Bundestreffens der GEW AG LSBTI, die als Expert*innen aus der pädagogischen Praxis sowohl verschiedene Schulformen und -stufen als auch unterschiedliche Bundesländer repräsentieren und diesbezügliche Erfahrungen und Kompetenzen mitbringen. Darüber hinaus orientieren sich die Kriterien an einer Veröffentlichung der UNESCO zu inklusiver Schulbuchgestaltung sowie an früheren Studien der GEW, insbesondere der umfangreichen Schulbuchanalyse durch Melanie Bittner aus dem Jahre 2011.
Auch wenn die genannten Qualitätskriterien für vielfaltsgerechte Schulbücher und Unterrichtsmaterialien keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, so würde deren Beachtung doch eine erhebliche Verbesserung der aktuellen Lage hin zu einem diskriminierungsfreieren Schulalltag von LSBTI* Kindern und Jugendlichen bedeuten.

 

 

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